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Colloquiumsrede aus Anlass der Verteidigung meiner Habilitationsschrift.

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Diese Verständigungssituation versuche ich nun in meiner Schrift auf sehr abstrakter Ebene im Hinblick auf eine Reihe von miteinander in enger Wechselwirkung stehender Faktoren einer systematischen Analyse zugänglich zu machen. Diese Faktoren fasse ich sehr formal unter Begriffen wie „Problemkomplexität“, „Verständigungszeit“, „Verständigungsteilnehmerzahl“ etc. und lege mit ihrer Hilfe so etwas wie einen Korridor fest, innerhalb dessen Verständigung und Metaverständigung eine Chance haben stattzufinden. Die Flexibilität dieser Faktoren und ihre Wechselwirkung schließen dabei allerdings die Möglichkeit nicht aus, dass auch moderne, im klassischen Sinn als bereits „aufgeklärt“ beschriebene Gesellschaften unter entsprechenden Umständen, sprich zum Beispiel bei entsprechend gravierender Problembelastung ihrer Verständigungssituation, dazu gezwungen sind, ihre Kommunikationen mithilfe von Begrifflichkeiten mit sehr geringer Tiefenschärfe durchzuführen. Unter dieser Perspektive werden in meiner Konzeption zum Beispiel Phänomene, die klassisch als „dialektische Backlashes der Aufklärung“ wahrgenommen worden sind (wie etwa der Nationalsozialismus von Horkheimer und Adorno), als Erscheinungen analysierbar, die weniger mit einer „List der Vernunft“ oder einem Sieg der Irrationalität in der Moderne zusammenhängen – etwa mit einer „Kolonialisierung der Lebenswelt“ –, als vielmehr in komplexer Weise mit der Sozialstruktur der entsprechenden gesellschaftlichen Situation.

Im folgenden möchte ich nun auch diesen Aspekt meiner Konzeption noch kurz skizzieren.

 

V.

 

Ich habe also festgestellt, dass jede Präzisierung unscharfer Begriffe in Verständigungen zweiter Ordnung stets auf Kosten anderer Unschärfen in diesen Verständigungen stattfindet. Wenn dabei also überhaupt so etwas wie Aufklärung erreichbar ist, so lässt sich diese wohl eher in der Klärung der Frage vermuten, wie denn die Gesellschafter überhaupt von der Ebene erster Ordnung ihrer Verständigungen auf eine Ebene zweiter Ordnung gelangen. Anders gefragt: was befähigt sie dazu, Metaverständigungen über ihre Verständigungen und Verständigungsvoraussetzungen zu führen?

Diese Frage ist bekanntlich in der Geschichte der Aufklärung bereits verschiedentlich durch Verweise auf epistemologische, kognitive, psychologische, neuronale, linguistische etc. Grundbedingungen zu beantworten versucht worden.

Aus dem von mir angeführten Beispiel sollte zunächst einmal deutlich geworden sein, dass grundsätzlich auch gewisse materielle Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Gesellschaft einen Teil ihrer Zeit der Klärung oder Erörterung jener Begriffe widmen kann, die sie in ihren, zum Beispiel zur Jagd dienenden Verständigungen verwendet. Sie muss dazu also zum Beispiel ihr Ernährungsproblem grundsätzlich bereits so weit im Griff haben, dass sie nicht, während sie sich solch metasprachlichen (sprich: wissenschaftlichen oder philosophischen) Verständigungen widmet, verhungert, oder abstrakter ausgedrückt: ihre Anschlussfähigkeit verliert.

 

Dieser Umstand ist bekanntlich in der marxistischen Gesellschaftslehre stets besonders betont worden und im real-existierenden Sozialismus als Lehrsatz vom „Sein, das das Bewusstsein bestimmt“ zur Grundlage einer Sozialphilosophie gemacht worden, die nach eigenem Ermessen zwar den Deutschen Idealismus vom Kopf auf die Füße stellen wollte, dabei allerdings selbst einen völlig überzeichneten Aufklärungsoptimismus in die Wege geleitet hat, der letztlich dazu geführt hat, dass weite Teile der in den Verständigungen der betroffenen Gesellschaften verwendeten Begriffe nicht mehr im Hinblick auf ihre mangelnde Tiefenschärfe hinterfragt werden konnten.

 

 

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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