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Colloquiumsrede aus Anlass der Verteidigung meiner Habilitationsschrift.

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II.

 

Eine der Rahmenbedingungen meiner Schrift bildet die, wie ich denke, heute in den Sozialwissenschaften und in der Wissenschaftstheorie weitgehend etablierte Einsicht, dass auch wissenschaftliche Theorien ihren spezifischen sozio-historischen Raum-Zeit-Punkt haben, an dem sie ihre jeweilige Gültigkeit beanspruchen. Ich gehe in meiner Konzeption – Niklas Luhmann folgend – davon aus, dass einer der Faktoren, die diese Gültigkeit insbesondere für Sozialtheorien wesentlich determinieren, die soziale Struktur, oder genauer gesagt, die Differenzierungsform von Gesellschaften ist.

 

So man unter diesem Blickwinkel zum Beispiel die soziale Struktur (oder genauer müsste ich sagen: die Wahrnehmung der sozialen Struktur) jener Gesellschaft betrachtet, die für den Start des sozialistischen Großexperimentes verantwortlich gewesen ist, nämlich die Sozialstruktur der vorrevolutionären Gesellschaft Russlands, so lässt sich daraus m.E. ein Bezug zur gesellschaftstheoretischen Konzeption, die diese Gesellschaft zu ihrer „Selbstbeschreibung“ herangezogen hat, ableiten. Ohne diese soziale Struktur hier in all ihren Details beschreiben zu können, scheint mir argumentierbar, dass eine als hierarchisch, in „obere“ und „untere“, oder noch deutlicher: in „ausbeutende“ und „ausgebeutete Klassen“ geteilt beschriebene Gesellschaft, die zu dieser Zeit noch dazu stark unter dem Einfluss von sozialtheoretischen Ideen aus anders organisierten (nämlich aus west- und mitteleuropäischen) Gesellschaften steht, Standpunkte begünstigt, von denen aus angenommen werden kann, dass sich eindeutige normative Aussagen über die Organisation dieser Gesellschaft und auch über ihre zukünftige Entwicklung machen lassen. Mit anderen Worten: von den relativ privilegierten Positionen an der Spitze einer solchen hierarchischen Gesellschaftsform aus betrachtet, sieht es so aus, als ließe sich relativ genau wissen, was in dieser Gesellschaft „gut“ oder „schlecht“, was in ihr „wahr“ oder „falsch“ und was in ihr „gerecht“ oder „ungerecht“ ist.

Diese Positionen ermöglichen, anders gesagt, so etwas wie einen Glauben an eine privilegierte Einsicht in das Gefüge der Gesellschaft und legen es damit auch nahe, normative Richtlinien zur ihrer Gestaltung als verbindlich festzusetzen. Sie begünstigen mit anderen Worten nicht nur eine Beschreibung des Ist-Zustandes der Gesellschaft selbst, sprich also im weitesten Sinn eine Sozialwissenschaft, sondern auch eine Beschreibung des Soll-Zustandes der Gesellschaft, nämlich eine Sozialphilosophie im klassischen Sinn.

Gerade die normative Wirkung dieser Sozialphilosophie – im Fall des realsozialistischen Großexperimentes etwa die des Marxismus-Leninismus – hat aber nun selbst dazu beigetragen, die Gesellschaft nach und nach grundsätzlich neu zu organisieren. Auch im Fall der Sowjetgesellschaft lässt sich diesbezüglich im Verlauf ihrer Geschichte eine weitreichende Differenzierung auf vielen Ebenen feststellen und damit einhergehend auch eine gewisse Enthierarchisierung, die genau jene privilegierten Standpunkte, die für den ideologischen Background dieser Entwicklung verantwortlich waren, als problematisch wahrnehmbar werden lassen. Angesichts der Situation der späteren Sowjetgesellschaft und endgültig angesichts der Situation der postsowjetischen Gesellschaft, die nun obendrein wie andere Weltgesellschaften auch noch den vielfältigen Einflüssen der Globalisierung ausgesetzt ist, ist m.E. nicht mehr zu übersehen, dass privilegierte Standpunkte, und damit verbunden: privilegierte Problemsichten in modernen Gesellschaften nicht mehr auf Dauer argumentativ legitimiert werden können.

Freilich lässt sich auch heute noch behaupten, dass man unumwunden wisse, was für die Gesellschaft „besser“ wäre und was für sie „schlecht“ ist. Politiker werden von ihrer spezifischen Verständigungspraxis auf Schritt und Tritt zu solchen Behauptungen gezwungen.

Übersehen lässt sich meines Erachtens allerdings auch diesbezüglich nicht mehr, dass sich in der Komplexität der sozialen Struktur moderner Gesellschaften zu jeder Problemsicht, die eine solche Behauptung nahe legt, sofort auch eine entgegengesetzte Problemsicht finden lässt, die genau die entgegengesetzte Behauptung ebenfalls zu legitimieren scheint.

 

  
Grundwissen Soziologie. Ausgangsfragen, Schlüsselthemen, Herausforderungen
von Rolf Eickelpasch
Siehe auch:
Grundkurs Soziologie
Lehrbuch der Soziologie
Soziologie vom Anfang bis zum Ende: Eine e...
Soziologische Grundbegriffe
Soziologie (Uni-Taschenbücher basics M)
Soziale Arbeit: Ein Lehr- und Arbeitsbuch zu Ge...
 
   
 
     
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